Süddeutsche Zeitung Nr. 20

Donnerstag, 24. Januar 2013

Im wilden Süden

Der brasilianische Bundesstaat Santa Catarina ist zu kalt für Bikinis. Dafür fühlen sich hier harte Männer wohl.

Von Martin Wittmann

 

Im Sonnenlicht, das durch die Schlitze der Holzwände dringt, wirbelt der Staub, als die Rinder in den sonst so düsteren Stall trödeln. Nur das gemächliche Getrampel der vier Tiere ist zu hören, die nun hier drinnen im Kreis gescheucht werden. Die Männer, die das tun, tragen lederne Stiefel und weite Hosen, die sie in die Stiefel gesteckt haben. Zunächst stehen sie unaufgeregt und behäbig in der Mitte des Stalls. Doch dann schnalzt ein Seil durch die Luft, Hernani, einer der drei Macari-Brüder, hat es geworfen. Sein weißes Hemd ist durchsichtig geschwitzt, auf dem Kopf trägt er eine Baskenmütze, an den Hüften eine abgewetzte Lederschürze. Das Seil hat sich um die Hinterbeine eines jungen schwarzen Stiers gewickelt. Das Tier hält noch Bruchteile von Sekunden die Balance, bis seine Vorderbeine einknicken und es nun laut, wie um Hilfe muhend, auf die Seite in den Staub fällt.

 

Jedes Wochenende treffen sich die Macari-Brüder – neben Hernani sind das Karim und André – hier auf der 1400 Meter hoch gelegenen Fazenda Passo Velho, die ihr Urgroßvater vor mehr als 100 Jahren gekauft hat. Hier sind sie groß geworden, bevor sie auszogen, ein bürgerliches leben zu führen. Ihr Vater, ein Regionalpolitiker, kann die Farm heute nicht mehr bewirtschaften, er sitzt seit einem Autounfall im Rollstuhl. So muss sich unter der Woche ein Cousin um die anfallenden Arbeiten kümmern. Am Samstag aber kommen die Brüder, die fünf Tage die Woche im Büro sitzen, zurück aufs heimische Land. Von Montag bis Freitag mag Karim Rechtsanwalt sein, André Umweltingenieur und Hernani Landschaftsingenieur – am Wochenende sind sie Gaúchos: viehzüchtende Cowboys. Sie sind es, die sich im Land der fabrikmodernen Quantität – Brasilien ist einer der größten Rindfleischexporteure – traditioneller Qualität widmen. Hier, im grünen und auch sonst florierenden Bundesstaat Santa Catarina heißt das: 150 Rinder haben die Brüder. 250 Hektar haben die Rinder.

 

So treffen im kühlen Süden des Landes und dort im dunklen Stall zwei südamerikanische Mythen aufeinander, die man nur noch in Filmen oder in Werbespots am Lebe wähnte: stolze Gaúchos und Rinder mit Auslauf. Hier unten ist Brasilien nicht das Land der Hitze und der Strandmädchen mit Zahnseidebikinis, wie es ein Jahr vor der Fußballweltmeisterschaft weltweit vermarktet wird. Hier unten wird das Land von zupackenden Männern geprägt. Hier glänzt Brasilien nicht, hier riecht es. Und hier in den Bergen von Santa Catarina ist es kalt: Nebenan, in der Stadt Sao Joaquim, fallen die Temperaturen im Winter regelmäßig auf zweistellige Minusgrade. An diesem milden Tag aber reicht André die normale, luftige Gaúcho-Uniform.

 

Er steht im Stall hinter dem Gatter und hat eine Strickweste über dem Hemd an, dazu die Bombacha, die weite Hose der Gaúchos, und die Stiefel. Was macht eigentlich einen Gaúcho aus, außer den Hosen und den Schuhen, einem Halstuch und einem Messer am Gürtel? André Macari drückt eine riesige Spritze in einen Plastikbehälter mit rosa Flüssigkeit und zieht sie auf. Er grübelt über die Frage nach. Er stellt sich solche Fragen nicht, für ihn ist es ja eine Selbstverständlichkeit, Gaúcho zu sein. „Die Liebe zur Natur, zur Freiheit?“, rätselt er. Crioulos vielleicht? Sie haben jedenfalls 30 dieser Pferde aus Feuerland. Land? Haben sie ja auch genug – hier bekommen die Rinder extra viel Platz, auf dass sie im Sommer nicht zu viel Gras zertrampeln oder von einem Platz wegfressen und so die Weiden für den nächsten Winter unwirtlich machen. Tradition? Ja, das auf jeden Fall, sagt er und nickt in die Stallmitte: „Anderswo wird das hier vollautomatisch gemacht.“

 

 

Ein Helfer der Brüder kniet dort hinter dem Kopf des gefallenen Stiers und hält ihn im Staub. Karim lehnt an dem Holzpfeiler in der Mitte des Stalls und drückt mit seinem rechten Stiefel eines der Hinterbeine des Tiers auf den Boden. Unvermittelt schlägt der Stier aus, Karim weicht zurück, nur der Helfer hält weiterhin den Kopf des kämpfenden Viehs. Der Stier schafft es, sich auf dem Rücken auf die andere Seite zu winden, und während der Helfer immer noch die Ohren des Tiers festhält, steht es auf und zerrt den Mann mit nach oben. Nun ringen sie, bis der Helfer das Tier wieder zu Boden reißt. Diesmal legt er sich mit seinem Körper auf den Stier. Die anderen Männer, die das Spektakel gelassen, fast desinteressiert verfolgt haben, die lachen nun auf – dem Helfer ist bei dem Kampf die Hose aufgerissen, mit nacktem Hintern liegt er auf dem Gegner. Erst als sich Karim und Hernani Macari auf den Stier knien, steht der Helfer auf und verlässt, mit den Händen notdürftig die Hosenfetzen zusammenhaltend, durch das Gatter die Arena.

 

Alle drei Monate holen sich die Brüder Helfer, wenn es viel Arbeit gibt mit der Herde. „Früher haben wir den Tieren Wasser mit Salz und Kräutern als Medizin gegeben“, sagt André. Heute sei alles reguliert. Er sagt das nicht bedauernd, denn: „Santa Catarina ist das einzige Bundesland in Brasilien, das nie große Probleme mit der Maul-und-Klauen-Seuche hatte“. So werden die Tiere an diesem Wochenende mit dem Lasso gefangen, geimpft, ohne Betäubung wird ihnen ein kleines Stück vom Schwanz abgeschnitten, damit sie identifiziert werden können, und zur Sicherheit der anderen Tiere werden ihnen die Hörner abgesägt. Die Stiere werden kastriert. Auf einer Holzbank steht eine hellblaue Schüssel mit einem halben Dutzend abgeschnittener Hoden. Daneben: Zwei Kästen der Biermarke Ambev.

 

An diesem Sonntagvormittag müssten die Brüder müde sein, haben sie doch in der Nacht zuvor bis um elf Uhr geschuftet und dabei mit ihren Helfern so viel getrunken, dass sie telefonisch beschieden , der kommende Tag eigne sich wohl doch besser für den geplanten Besuch bei ihnen. Verkatert scheinen sie jetzt nicht zu sein. Stattdessen wirken sie an diesem Vormittag in ihrer Erschöpfung noch elegant (wenn nicht gerade eine Hose reißt). Und das, was sie tun, erscheint zwar grob den Tieren gegenüber – aber nicht respektlos. Wer schon einmal in einem Schlachthof war und dort die unzähligen anonymen, in Hälften gesägten und an Haken hängenden toten Tiere gesehen hat und die in sterilen Plastikanzügen an Fließbändern stehenden Mitarbeiter, der erkennt hier, in diesem Stall, fast so etwas wie Stil. Und trotzdem: So romantisch wild es hier zugeht, so brutal ist es auch. Ein Helfer geht auf den Stier zu, er hat die große Spritze in der Hand. Als er sie ansetzt am Rücken des Stiers, windet der sich wieder, bis Karim seinen Kopf packt und diesen so weit nach oben dreht, bis es aussieht, als würde er dem Stier den Blick auf seinen eigenen Körper verwehren. Mit dem Knie fixiert er wieder den Kopf, der am Boden liegende Stier scharrt noch ein wenig mit einem Vorderfuß in der Luft, bevor der Helfer ihm den Inhalt der Spritze in den Leib pumpt. Das Seil um die Hinterbeine wird noch einmal streng zugezogen. Karim steht nun neben dem gefesselten Stier, mit dem Messer in der Hand.

 

Während der Kastration klopft es an der Stalltür. Ein Pferd steht davor, mit dem Onkel der Brüder auf dem Rücken. Der Onkel reitet neuerdings mit Touristen durch die Prärie. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagt André, und er meint damit nicht nur seinen Verwandten, der die Nachfrage von Urlaubern nach Western-Romantik, Ruhe und Wildnis erkannt hat. Es ist vielmehr die ewige Frage, wie Tradition von Überholtem und Fortschritt von Neumodischem unterschieden werden kann.

 

Bei ihnen stünden die Rinder immer noch lange auf der Weide und fräßen dort 36 Pflanzensorten, es gebe gar kein Stallfutter, sagt André. Diese Bedingungen sind Luxus in einem Land, dessen landwirtschaftliche Produktivität seit Mitte der 80er Jahre jährlich um drei bis vier Prozent und damit doppelt so schnell wie in anderen Agrarnationen steigt. Bei der Rinderzucht ist Brasilien heute Weltspitze, und das, obwohl der Großteil Brasiliens eigentlich zu heiß und zu trocken ist für europäische Rinderrassen.

 

Im 17. Jahrhundert von den Kolonialherren aus Portugal begründet, wurde die Rinderzucht in Brasilien erst Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem erfolgreichen Wirtschaftszweig. Damals schickte Brasilien Gesandte nach Indien und Afrika, um tropentaugliche Rinderarten zu kreuzen. Etwa 5000 höckrige Zebu-Rinder, eine kräftige und robuste Art, wurden bis in die 1930er Jahre aus Indien importiert. Dank Gentechnik und Effizienzsteigerungen wurde aus der Tierhaltung schließlich eine riesige Industrie – die in Brasilien zunehmend Kritiker findet. Den meisten geht es weniger um Tierschutz; im Vordergrund stehen in der Regel ökologische Bedenken, seit im Amazonas-Gebiet für Rinderweiden großflächig abgeholzt wird. Greenpeace etwa nennt Rinderzucht im Norden die Hauptursache für die Zerstörung des Regenwaldes.

 

Auch auf der Fazenda Passo Velho wird für die Viehzucht Holz vernichtet, wenn auch auf eine ganz andere Weise: Im Stall, hinter dem Gatter, brennt ein Lagerfeuer. Drei Brenneisen glühen zwischen dem Holz, Karim greift sich das mit dem „K“. Er geht zurück zu dem Tier, das jetzt ein Ochse ist, und drückt ihm das Eisen auf das Hinterteil. Ein letztes Mal muht das Tier laut auf, bevor es ermattet und stumm jede Regung einstellt. Eine weiße Rauchwolke steigt auf. Der Helfer desinfiziert mit einem Spray noch die Kastrationswunde, bevor Hernani den Kopf des Stiers loslässt und ih mit einem sanften Tritt zum Aufstehen auffordert. Die Behandlung ist vorbei. Der Ochse rafft sich auf und läuft in die Ecke zu den anderen Tieren, alles reinrassige englische Rinder, denen es hier in Santa Catarina kühl genug ist.

 

André wird an diesem Abend wieder zurückfahren zu seiner Familie; er wohnt 90 Kilometer von der Farm entfernt an der Küste. Sein Sohn ist 16 Jahre alt. Wird er die Gaúcho-Tradition fortführen? „Der hat lange Haare und spielt Schlagzeug in einer Hardrock-Band“, sagt André. Das Fleisch beim Churrasco, dem typischen brasilianischen Grillen, das schmecke ihm schon mal gut, sagt André. Von der Ranch wolle er allerdings noch nichts wissen, sagt der Gaúcho, während es hinten im Stall schon wieder schnalzt.

 

 

Anreise: Die TAM fliegt täglich von Frankfurt nach Rio und / oder Sao Paulo und von dort in die Hauptstadt des Bundesstaates Santa Catarina, Florianopolis. Hin und zurück ab 813 Euro, www.tam.com.br

 

Unterkunft: in der Nähe der Gaúcho-Ranch liegt das Rio do Rastro Eco Resort, das Chalet für zwei Personen ab 180 Euro pro Nacht. Wer auf der Fazenda Passo Velho übernachten will, kann sich bei Karim Macari anmelden, E-Mail: karimms15@hotmail.com

 

Reisearrangements: der deutschsprachige Veranstalter Aventura do Brasil bietet im Süden Brasiliens Rundreisen für Gruppen an, zum Beispiel zwei Wochen ab 1755 Euro pro Person im Doppelzimmer, buchbar im Internet unter www.aventuradobrasil.de