Reise-Journal

8. Januar 2013

 

Was für ein Waljahr

Brasilien Das Bundesland Santa Catarina ist nicht nur bei den Meeressäugern zur Aufzucht der Jungen beliebt. Es ist Südamerika im Miniformat.

Von Florian Eisele

 

(Bilder)

Das kleine brasilianische Bundesland Santa Catarina will bei den Touristen mit einer Mischung aus allem punkten, das der südamerikanische Kontinent zu bieten hat: Das Hochland mit seinen Gauchos, der südamerikanischen Variante des Cowboys, findet man hier ebenso wie die Strände, auf denen sich Surfer und Glattwale tummeln.

 

Michael Jackson kommt heute nicht. Damit kann Enrique Litman, der auf dem Dach seines Bootes mit einem Weitwinkelobjekt sitzt, leben. Der Argentinier hat sich eine Kappe übergezogen und lehnt an der Rehling, den Blick auf das Meer gerichtet, in dem sich die Sonne spiegelt. Währenddessen krallt sich eine Gruppe Touristen, die heute mit Litmans Boot vor die Küste gefahren sind, eine Etage tiefer an ihren Plätzen fest und ist damit beschäftigt, nicht seekrank zu werden. Litman hat ihnen wie allen seinen Kunden vorher ein gutes Angebot gemacht: Wenn sie auf ihrer Tour keinen Glattwal zu sehen bekommen, erhalten sie ihr Geld zurück. Auch wenn sich heute vor der Küste von Imbituba im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina nicht der Albinowal, den sie hier Michael Jackson getauft haben, blicken lässt, macht Litman ein Geschäft: Vier Wale zeigen sich den Besuchern, die bis zu 40 Tonnen schweren Tiere kommen auf wenige Meter an das Boot heran, zwei davon sogar mit einem Jungtier.

 

Mit den Walen kamen die Besucher

 

Dass die Tiere sich während der Aufzucht ihrer Jungen in Küstennähe aufhalten, wurde ihnen jahrelang zum Verhängnis. Für Walfänger waren sie eine leichte Beute, jahrelang schlachteten sie die Tiere ab und dezimierten den Bestand. Mitte der 70er Jahre wurde hier der letzte Glattwal getötet, danach begann schrittweise ein Umdenken. Litman, der an der Küste namens Praia do Rosa ein Forschungsinstitut mit angeschlossenem Hotel betreibt, zählte im vergangenen Jahr über 300 Wale, 2006 waren es noch knapp über 100 gewesen. Er sagt: „Das ist eine Rekordsaison.“ Mit den Walen kamen auch die Besucher: Waren es früher vornehmlich Gäste aus dem heimischen Brasilien und den umliegenden Staaten wie Argentinien und Uruguay, die in Litmans Eco-Resort „Vida Sol e Mar“ kamen, finden immer mehr Europäer den Weg dorthin. „Seit zwei Jahren ist Deutschland mein Markt Nummer eins“, sagt Litman.

 

Sein Beispiel ist stellvertretend für das kleine Bundesland Santa Catarina, das in etwa so groß wie Österreich ist. Während es innerhalb Brasiliens als Urlaubsregion schon immer bekannt war, legte die Region im Süden von Sao Paulo in den vergangenen Jahren bei den Besucherzahlen mächtig zu. Seit 2008 wirbt das Bundesland auf dem deutschen Markt. Von den knapp 300 000 Deutschen, die allein im Jahr 2011 nach Brasilien kamen, fuhr jeder Zehnte nach Santa Catarina. Das entspricht einer Steigerung von fast einem Viertel, Tendenz steigend. Die Hauptstadt Florianópolis zählt schon jetzt zu den beliebtesten Zielen Brasiliens.

 

Santa Catarina lockt die Besucher mit einer Mischung aus Stränden, Buchten, Urwaldgebieten und bis zu 2000 Meter hohen schneebedeckten Bergen in der Hochebene Serra Catarinense. Neben dem ökologischen Tourismus erwarten deutsche Besucher vertraut klingende Ortsnamen: In Blumenau findet etwa das brasilianische Oktoberfest statt. Wer sich das Geschirr bei einem Restaurantbesuch genauer ansieht, entdeckt den Herstellernamen Schmidt. Das Unternehmen Moellmann mit Sitz in Blumenau steht für Textilien, Elektromotoren kommen von Kohlbach. Bis heute gibt es neben einer starken italienischen Fraktion auch viele deutschstämmige Gebiete in Santa Catarina. Valdir Rubens Walendowsky, der Tourismusdirektor des Bundeslandes, schätzt: „Ein Viertel aller Einwohner hier stammen aus Deutschland.“ Zur Fußball-Weltmeisterschaft, die 2014 in Brasilien stattfindet, bemüht sich die Behörde deswegen, die deutsche Mannschaft in ein Resort zu holen.

 

Wenn alles klappt, steigen Jogis Jungs in dem Resort Costao do Santinho ab. Es ist ein Luxusresort auf der Halbinsel, auf der auch die Bundeshauptstadt Florianópolis liegt. Resorts wie das Costao do Santinho sollen Teil des neuen Santa Catarinas sein, in dem sich seit einigen Jahren die größte Austernzucht Lateinamerikas und exquisite Weingüter befinden.

 

Der Tourismusboom bringt aber auch Geisterstädte wie Balneário Camboriú hervor. Reiche Südamerikaner haben sich hier ihren Sommersitz gebaut samt Parkhaus für Jachten und Boote. Im Sommer hat diese künstliche Stadt, die jährlich um mehrere Wolkenkratzer wächst, über 600 000 Einwohner. In der Nebensaison verirren sich nur knapp hunderttausend in den dann wie ausgestorben wirkenden Straßen. Neben einer eigenen Christusstatue gibt es hier die weltweit einzige Seilbahn, die zwei Strände miteinander verbindet. Auch das ist das neue Santa Catarina.

 

Fast vier Autostunden südwestlich davon findet man das alte Santa Catarina. Hier, im begrünten Hochland, scheinen Jachten, Hochhäuser und Strände nicht Kilometer, sondern Galaxien entfernt zu sein. Auf der Facienda Passo Velho, einer Viehzucht, steht an diesem Wochenende das Kastrieren der Rinder an. 150 davon haben die drei Brüder Andre, Hernani und Karim Macari, dazu kommen 80 Schafe und 30 Pferde. Es ist Sonntagnachmittag, zusammen mit ihrer Mutter und ein paar Verwandten kastrieren sie seit Samstagnachmittag die Jungtiere in einem Stall. „Gestern ging es bis halb 2 Uhr nachts“, sagt Andre, während er sich den Schweiß von Gesicht wischt und lächelt. Dazu gab es selbstgebrannten Schnaps. Seit heute Morgen sind sie wieder im Stall. Es riecht nach Heu, Schweiß und Rauch von dem Feuer, in dem das Brandeisen liegt. Andre und seine Brüder sind Gauchos, eine Art südamerikanischer Cowboy. Bereits ihr Vater und dessen Brüder waren Gauchos, also sind sie es auch. Das bleibt auch so, auch wenn die drei fernab des Hochlandes an der Küste normale Berufe haben: Andre ist Umwelttechniker, Hernani Ingenieur und Karim, der gerade mit einem Fleischermesser zu Tat schreitet, ist Rechtsanwalt. Für dieses Wochenende sind die drei nach Hause gekommen, unter der Woche kümmert sich ihr Cousin um die Viehzucht. Andre übernimmt bald.

 

Jetzt scheint es aber, als ob sie nie weg gewesen wären: von draußen wird das Vieh in den Stall getrieben, wo die Gauchos bereits warten. Mit einem Lasso fangen Andre und seine Brüder die Rinder an den Beinen ein. Wenn ein Tier in dem Lasso baumelt, wird es fixiert – einfach, indem sich die Männer darauf setzen. Mit einem Fleischermesser setzt einer von ihnen, meistens ist es Karim, der Älteste, den Schnitt an. Zuletzt steigt Dampf auf. Mit einem Brandeisen werden die Tiere markiert und auf der anderen Seite des Stalls entlassen. Hinter der Absperrung notiert ihre Mutter die Ergebnisse der Zählung. Wie der Tag enden soll? Davon hat Andre eine klare Vorstellung. Er blickt zu seinem schweißdurchnässten Bruder Hernani, der sich gerade keuchend an einem Gitter abstützt. „Ein Churrasco, klare Sache!“ Hernani lächelt.

 

Die Turniere der Gauchos erinnern an Rodeos

 

das Churrasco, ein Abend mit Grillfleisch, Musik und Tanz, gehört ebenso zur Gaucho-Kultur wie die Viehzucht, das Leben auf dem Pferd und die mit der Gitarre gespielten Lieder. Wer auf den Straßen des Hochlandes unterwegs ist, dem fallen abgezäunte Bereiche mit Zuschauerbänken auf. Dort finden Turniere unter den Gauchos statt, die an die amerikanischen Rodeos erinnern. Die Gaucho-Kultur ist für die Region identitätsstiftend. Der ehemals für den FC Barcelona kickende Fußballstar Ronaldinho trägt, weil er aus der Region stammt, den Beinamen Gaucho.

 

Auch die Gauchos haben den Tourismus für sich entdeckt. Viele von ihnen haben Holzhäuser für Gäste gebaut und bieten Ausritte an. Was Andre von den vielen Touristen hält, die nun in seine Heimat kommen? „Ist doch gut, wenn Menschen sich unser Land ansehen.“ Die Gefahr, dass es nur noch Hotelbesitzer gibt, sieht er nicht. „Wenn man Gaucho ist, bleibt man das auch. Lebenslang. Außerdem sagt ja niemand, dass ein Deutscher nicht auch ein Gaucho sein kann.“

 

 

Zahlen & Fakten

 

Messe – Das brasilianische Bundesland Santa Catarina ist einer der Schwerpunkte auf der Stuttgarter Tourismusmesse CMT. Diese findet vom 12. bis 20. Januar auf dem Messegelände statt.

 

Größe – Santa Catarina ist mit einer Größe von rund 95 000 Quadratkilometern in etwa so groß wie Österreich oder Portugal und weist knapp sechs Millionen Einwohner auf. Damit gehört das im Süden gelegene Bundesland zu den kleineren in Brasilien. In der Hauptstadt Florianópolis leben rund 400 000 Menschen.

 

Anreise – Florianópolis besitzt zwar einen Flughafen. Dort verkehren aber nur Inlandsflüge, sodass Besucher meist den Umweg über die großen Flughäfen in Rio de Janeiro oder Sao Paulo machen müssen. Von da an gibt es Inlandsflüge nach „Floripa“, wie Florianópolis abgekürzt wird.

 

Reiseanbieter - „Aventura do Brasil“ bietet Gruppenreisen für deutschsprachige Touristen an. Kontakt über www.aventuradobrasil.de

 

Übernachten – Im „Estaleiro Village“ (www.estaleirovillage.com) bei Camboriú finden Besucher Gästehäuser, die in die Natur eingefügt sind. Auf der Halbinsel von Florianópolis befindet sich das Pousada Natur Campeche (www.naturcampeche.com.br), das sich an Individualtouristen orientiert. Luxus findet man an der Küste im Resort Costao do Santinho (www.costao.com.br), im Hochland Rio do Rastro Eco-Resort (www.riodorastro.com.br). Im Hochland sollten Touristen aber auch kälte- und regenfeste Kleidung mitbringen.