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Wind und Wasser sorgen für magische Augenblicke

Das brasilianische Bundesland Santa Catarina ist berühmt für seine Surf-Spots und Beobachtungsposten für Glattwale
Badisches Tagblatt Nr. 10 12.01.2013
Von Christian Schreiber
Plötzlich taucht Michael Jackson auf. Alle stürmen in seine Richtung, halten seine fließend-eleganten Bewegungen mit der Kamera fest. Viele hoffen, dass er näher kommt, aber er ist scheu. Dann wird es still, nur die Wellen, die auf das Schiff treffen, sind zu hören. Das Boot, besetzt mit 50 Touristen, treibt vor Santa Catarina. Das zweitkleinste brasilianische Bundesland zählt zu den weltweit besten Beobachtungsposten für Glattwale, hat aber noch viel mehr zu bieten: Surf-Spots, Top-Strände, einzigartige Fischerfeste, Austern und Meeresfrüchte machen die 700 km lange Küste zu einem der beliebtesten Urlaubsziele Südamerikas.
Der Mann, der den Walen einen Namen gibt, sitzt am Steuer des Bootes. Enrique Litman (62), Vorsitzender des Glattwal-Instituts, das sich für den Erhalt der Tiere einsetzt, ist sonst nicht sonderlich kreativ. Aber weil Michael Jackson nicht schwarz, aber auch nicht richtig weiß war, sei ihm die Idee gekommen. Jetzt hat er schon wieder einen Wal entdeckt, ruft laut „Linda“ und schaltet den Motor aus. Wellen und Wind treiben das Boot auf einen schwarzen Walrücken zu. Linda wiegt um die 40 Tonnen und ist so lang wie ein Lkw mit Anhänger. Daneben schwimmt ihr Baby, erst ein paar Wochen alt, noch ohne Namen.
Die Wale müssen hier vor der Küste nichts mehr befürchten. Weil die Jagd vor gut 30 Jahren verboten wurde, gibt es wieder 500 Glattwale in brasilianischem Gewässer. Glattwale kommen so nahe wie möglich an die Küste, um ihre Babys zu kriegen und sie aufzuziehen. Orkas, die Jagd auf den Nachwuchs machen, lauern erst 30 Kilometer weiter draußen. Das Wasser ist so warm, dass die Glattwale, die ohne Fettschicht auf die Welt kommen, nicht frieren und Muskeln aufbauen können.
Kauli Seadi hat solch faszinierende Momente schon hautnah erlebt. Nur, dass er nicht mit einem Boot unterwegs war, sondern mit dem Surfbrett. Der Windsurf-Weltmeister von 2005, der immer noch zur Weltspitze gehört, trainiert in den Walbuchten von Santa Catarina: „Die Babys sind oft so neugierig, dass sie unter meinem Board durchtauchen.“ Bis zu seinem zwölften Geburtstag hat Kauli Seadi kein Surfbrett aus der Nähe gesehen, aber dann zog er mit seinen Eltern an die Südostküste Santa Catarinas. „Da hat mein Leben erst richtig begonnen.“
Im Teenager-Alter, als seine Kumpels längst mit Caipirinha, Alexia und Karin am Strand liegen, steht er bis zum Sonnenuntergang auf dem Brett. Sein Fleiß wird belohnt – Kauli Seadi wird zum brasilianischen Volksheld. „Wind und Wasser haben mir alles im Leben gegeben. Dafür bin ich unendlich dankbar.“ Mittlerweile hat er zwei Surfschulen aufgebaut und freut sich über das große Interesse aus Europa. 40 Prozent der Wassersport-Touristen kommen gar aus Deutschland, die meisten zum Wellenreiten. „Wenn du in Santa Catarina einen guten Tag erwischt, dann ist es magisch“, betont der Weltklasse-Surfer mit Blick auf das Partnerland der diesjährigen CMT.
Der benachbarte Strand von Praia do Rosa zählt weltweit zu den Lieblingsplätzen von Kauli Seadi. Vor allem, weil er hier auch mit seiner Freundin, die noch Anfängerin ist, dem Sonnenuntergang entgegen surft. Die „New York Times“ zählt den unter Naturschutz stehenden Abschnitt gar zu den Top 30 auf Erden. Der Stellenwert einer solchen Auszeichnung wird einem als Europäer erst bewusst, wenn man bedenkt, dass ein Brasilianer auf die Frage, wo er herkommt, nicht den Wohnort nennt, sondern den nächstgelegenen Strand. Besonders stolz sind jene Menschen, die mit „Laguna“ antworten können.
Der Küstenstreifen im Süden Santa Catarinas ist Kult, weil dort zwischen April und Juni ein einzigartiges Fest gefeiert wird. Tausende Touristen kommen, um einem Naturschauspiel beizuwohnen, bei dem Delfine große Schwärme Meeräschen Richtung Küste treiben, wo die Fischer mit ihren Netzen warten. Niemand weiß, warum die Delfine den Menschen helfen. Aber das Laguna-Fest gehört zu den wichtigsten des brasilianischen Eventkalenders. Und es hat Luciano Martins zu seiner Künstler-Karriere inspiriert. Er arbeitete noch in einer Werbeagentur, als er endlich den langersehnten Urlaub bekam und tausende Kilometer an die Küste Santa Catarinas fuhr. Er war so fasziniert, dass er ein Logo für das Spektakel entwarf, das zu seinem Markenzeichen geworden ist: Bald schon prangte der bunte Fisch auf Tassen, Kugelschreibern und Schlüsselanhängern, die man auch heute noch in seinem Atelier in Florianópolis sieht.
Florianópolis ist die hippe Hauptstadt im Nordosten von Santa Catarina. In Sichtweite zur Küste befindet sich die neue Arbeitsstätte von Luciano Martins, an deren Wänden Portraits von Che Guevara und Napoleon im Comic-Style hängen. Farbenfroh geht es zu bei ihm, er scheint inspiriert von Keith Haring und Niki de Saint Phalle. Auf einer Promi-Tafel gratulieren ihm Julio Inglesias und der Ex-Fußballer Romario zu seinen Designs für Weinflaschen oder Flip-Flops. Noch immer holt sich Luciano Martins Inspiration aus dem Wasser. Praia de Estaleiro ist sein Lieblingsstrand in Florianópolis. Dort schnorchelt er, beobachtet die Fische und genießt die Sonne. „Am Wasser hat für mich ja alles angefangen.“
Für Freizeitaktivitäten im Meer hat hingegen Jaime Barcelos kaum noch Zeit. Er kommt nur noch beruflich an den Strand, um ins Boot zu steigen und zu seiner Austernzucht zu fahren, die an der Küste von Florianópolis liegt. Vor 15 Jahren verkaufte er Hot-Dogs und verdiente so schlecht, dass er seine Familie kaum ernähren konnte. Da kam es ihm gerade recht, dass die Regierung beschlossen hatte, eine Austernzucht aufzuziehen, um den Tourismus anzukurbeln und Arbeitsplätze zu schaffen.
Die Uni suchte die ideale Auster für den brasilianischen Atlantik und wurde in Japan fündig. Jetzt wachsen jährlich mehrere tausend Tonnen Crassostrea Gigas an der Küste Brasiliens das der größte Austern-Exporteur Südamerikas ist. Jaime Barcelos verkauft wöchentlich bis zu 30.000 marinierte, gekochte oder gegrillte Austern in seinem preisgekrönte Restaurant Ostradamus. Er hat alle Rezepte selbst kreiert und jedes Gericht auf der Karte entworfen. „Ich musste die Menüs solange verändern, bis sie meiner Familie geschmeckt haben.“ Die Tische sind wochenlang ausgebucht, weil Touristen aus aller Welt zu Jaime Barcelos kommen. Er steht auch jetzt, wo er sich auf dem Erfolg ausruhen könnte, jeden Tag in der Küche. „Das Meer und die Austern haben mir die Chance gegeben, ein gutes Leben zu führen. Es gibt keinen Grund abzuheben.“ Nur eines wünscht er sich: „Urlaub - ich will endlich mal Wale beobachten.“
STECKBRIEF
Santa Catarina ist Partnerland der Reisemesse CMT in Stuttgart (heute bis 20. Januar) – www.messestuttgart.de
Anreise - TAM fliegt von Frankfurt nach Rio / Sao Paulo. Von dort Anschlussflüge nach Florianópolis. Retourticket ab etwa 1400€.
Unterkunft – Pousada Natur Campeche (Florianópolis – Insel): Häuser & Zimmer in ruhiger Grünlage, 100m zum Meer, Suiten mit Garten. DZ ab 35€. www.naturcampeche.com.br – Vida Sol e Mar: Resort in der Praia-do-Rosa-Bucht mit Zimmer oder luxuriösen Häusern im Strand-Dorf. Package: 3 Nächte inkl. Whale-Watching ab 600€. www.vidasolemar.com.br
Rundreise – Der deutsche Veranstalter Aventura do Brasil hat sich auf Santa Catarina spezialisiert, bietet zum Beispiel zweiwöchige Rundreisen ab 1755€ pro Person im Doppelzimmer ohne Flug. www.aventuradobrasil.de
Whale-Watching – Die Website www.praiadorosa.imb.br bietet Infos und einen Überblick über Anbieter. Für eine zwei- bis dreistündige Tour muss man mit 75€ pro Person rechnen.
Windsurfen – Die Windsurf-Camps von Kauli Seadi in Santa Catarina sind abrufbar unter: www.kauliseadi.com.br
Luciano Martins – Einblicke in das Schaffen des Künstlers auf www.lucianomartins.com.br